Bildungsfahrt Gedenkstätte Auschwitz

Zwischen Erinnerung und Verantwortung Lingener Pfadfinder*innen in Auschwitz

„Was damals geschah, darf nie wieder geschehen. Wir dürfen niemals vergessen. Doch Erinnern allein reicht nicht.“

Mit diesen Worten mahnt uns die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, Verantwortung für die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu übernehmen. Erinnerung bedeutet nicht nur, der Vergangenheit zu gedenken, sondern sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen, um Lehren für die Gegenwart und Zukunft aus ihr zu ziehen.

Diesem Gedanken folgend machten sich über 20 Pfadfinder*innen jeden Alters von 14 bis 80 Jahren der Gruppen Huskys, Bären und Uhus des Lingener Pfadi-Stammes Eberhard von Danckelmann auf den Weg zu einem Ort, der wie kaum ein anderer für die unfassbaren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes steht. Nachdem wir 2024 schon das Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht hatten, stand als Nächstes der Ort an, an dem die systematische Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen ihren erschütternden Höhepunkt erreicht haben. So ging es für uns vom Ende März/Anfang April zur Gedenkstätte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

Morgens trafen wir uns an der Trinitatiskirche in Lingen, um uns über zwei Etappen auf den Weg nach Auschwitz zu begeben. Bevor wir losgefahren sind, hat uns Pastor Lars Kotterba noch einen Reisesegen mit auf den Weg gegeben. Aufgeteilt auf drei Bullis, ging es für uns am ersten Tag nach Dresden. Wir sind gegen späten Nachmittag bei der Jugendherberge angekommen und haben dort direkt ein warmes Abendessen erhalten, um uns zu stärken. Da Dresden natürlich nicht nur ein Zwischenziel unserer Reise war, sondern auch eine beeindruckend schöne Stadt, haben wir uns den Abend damit vertrieben, ein wenig Dresden zu erkunden.

Am nächsten Morgen ging es direkt nach dem Frühstück weiter, denn das nächste Ziel war auch schon die polnische Stadt Oswiecim. Da wir auch hier erst spät angekommen sind, wurden wir direkt mit einer warmen Mahlzeit in Empfang genommen. Für uns ging es dann aber früh ins Bett, weil wir wussten, dass uns der nächste Tag viel abverlangen wird.

Nachdem wir gefrühstückt hatten, machten wir uns in den Bullis auf zur nahegelegenen Gedenkstätte Auschwitz. Das Wetter hatte sich an diesem Tag der allgemein bedrückenden Atmosphäre angepasst und so begann unsere Führung durch das Stammlager bei grauem Himmel und Regen. Wir hatten eine deutschsprachige Tour, welche uns den gesamten Vormittag durch die Gebäude des ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz führte. Die Mauern beherbergen heutzutage größtenteils Ausstellungen, die auf verschiedenste Weise die Grausamkeit des Lageralltags und das perfide Kalkül, mit dem die Nationalsozialisten die Menschen dort entrechtet, entmenschlicht und ermordet haben, darstellen. Abgeschlossen haben wir die Führung durch das Stammlager mit der Begehung einer Gaskammer, was in Allen ein besonders bedrückendes Gefühl auslöste.

Das Lagertor des Konzentrationslagers Auschwitz I. Das Stammlager lag nicht weit außerhalb der Stadt in fernen Abgeschiedenheit – es lag, und liegt bis heute, mitten in der südpolnischen Zivilisation. 

Unfassbare Dimensionen.

Das Buch der Namen:

4.300.000 Namen.

16 m lang, 1 m hoch, 30 cm breit.

 

Block 11. Der Todesblock. Das Lagergefängnis. Im Keller wurden Inhaftierte gefoltert und misshandelt. An der Wand zwischen Block 10 und 11, der Todeswand, wurden tausende Menschen erschossen.

Block 27. Ein großer Raum. An den Wänden: Kinderzeichnungen. Von der Künstlerin Michal Rovner mit dem Bleistift 1:1 an die Wände übertragen. Originale Zeichnungen von Kindern im Holocaust. In Erinnerung an die 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die während des Holocaust ermordet wurden. Ein Raum, der auf den ersten Blick leer wirkt, jedoch unfassbares Leid offenbart.

Bevor wir zum Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau aufbrachen, haben wir eine Kleinigkeit von unserem Lunchpaket zu uns genommen. Die Kälte und der Schrecken des Gesehenen saßen uns noch in den Gliedern, als wir durch das schwere Tor des mit Stacheldraht umzäunten Lagers traten. Als wir auf der Rampe standen und den Blick über das Gelände schweifen ließen, wird uns das Ausmaß der Verbrechen nochmal auf eine andere Art und Weise bewusst. Egal wo der Blick auch hinfiel, das Ende des Lagers war nicht zu erahnen. Stein- und Holzbaracken, oder deren Ruinen, reihten sich rechts und links der Schienen bis ins schiere Unendliche aneinander. Vor uns am Ende der Rampe, wo die Menschen aus den Zügen gestiegen sind, eröffneten sich die riesigen Ruinen der Gaskammern. Der Anblick verdeutlichte uns an diesem Tag erneut, wie die Nationalsozialisten die Tötung unschuldiger Menschenleben in eine Industrie verwandelt haben. Mit einem bedrückenden Gefühl verließen wir gegen Nachmittag das Lager wieder und fuhren zurück zur Unterkunft. Noch bevor wir an diesem Abend schlafen gingen, haben wir uns alle zusammengesetzt, um das Erfahrene zu reflektieren. Dabei haben wir unsere Eindrücke, die uns den Tag begleitet haben, in einer Wortwolke festgehalten.

Am nächsten Tag ging es für uns nach Kraków. In der alten Königsstadt machten wir einen Pausentag und erkundeten die historische Altstadt. Den Abend ließen wir mit einem gemeinsamen Restaurantbesuch ausklingen.

Der folgende Morgen begann mit einem Frühstück, woraufhin wir uns auf den Heimweg machten. Gegen Abend erreichten wir eine kleine Jugendherberge in Meißen, wo wir mit einem sehr leckeren Abendessen empfangen wurden. Danach saßen wir noch um das Lagerfeuer herum und haben die Ereignisse der letzten Tage ein weiteres Mal Revue passieren lassen.

Ehe wir uns versahen, brach auch schon der letzte Tag unserer Bildungsfahrt an und wir traten den Heimweg an. Nach der langen Fahrt und den emotional, wie gedanklich intensiven Tagen erreichten wir schließlich erschöpft, aber um viele Erfahrungen reicher, wieder Lingen.

Diese Fahrt war weitaus mehr als eine Exkursion. Sie bot uns die Möglichkeit, Geschichte nicht nur aus Büchern oder dem Unterricht kennenzulernen, sondern an einem authentischen Ort zu erfahren, welche verheerenden Folgen rechtsextremistisches Gedankengut haben kann. Die Eindrücke, Begegnungen und Erkenntnisse dieser Tage haben uns nachhaltig bewegt und gezeigt, wie wichtig es ist, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten und jeder Form von Ausgrenzung, Hass und Menschenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten.

Denn Erinnern allein reicht nicht!

Unser Dank gilt allen, die mitgewirkt haben, diese Fahrt zu ermöglichen. Danke an Klaus, der sich zusammen mit weiteren Uhus seit Monaten um die Planung gekümmert und am Ende für eine reibungslosen Ablauf gesorgt hat. Danke an alle Spender*innen, die dazu beigetragen haben, dass diese Aktion überhaupt stattfinden konnten. Danke an alle Fahrer*innen, die uns sicher hin und zurück gebracht haben. Danke an Lars für den Reisesegen und danke an alle Herbergen, die uns sehr gastfreundlich aufgenommen haben. Und danke an alle Mitfahrenden, die mit ihrem aufgeweckten Interesse und dem respektvollen Umgang zu einer gelungenen Bildungsfahrt beigetragen haben.