Die Basilika vom BuLa ’84

Die Basilika – eine Jurtenkirche für 450 Pfadis, die wir auf dem VCP-Bundeslager „TURM“ 1984 in Eschwege errichteten.
Mit Gerd „SEMMEL“ Seemann hatte ich eine tolle, arbeitsreiche Woche vor Beginn des BULA.

Louie’s persönlicher Lieblings-Pfadimoment

Der Plan für den Bau einer Jurtenkirche entstand während einer Großfahrt der Christlichen Pfadfinder 1984 in Schweden, an der auch Semmel teilnahm. Anregung gaben einige große Jurtenburgen, die auf den letzten Lagern aufgebaut waren. In diesen Zelten fanden an die 100 Personen Platz, doch war ein direkter Blickkontakt nur zwischen Teilen möglich. Die Idee war also, ein Versammlungs- und Feierzelt zu konstruieren mit Platz für möglichst viele Personen ohne störende Zwischenwände. 

Es entstand der Plan einer Jurtenburg mit vier Türmen. Sie hatte eine Seitenhöhe von 6,40 m, mit Fahnenspitzen mehr als 13 m. An diesen vier Türmen war der Chor abgehängt und die Seitenschiffe befestigt (Höhe 3,20 m); zwischen den Türmen sollte ein Jurtendach in fast 5 m Höhe ausgespannt werden.Dabei sollte die erforderliche Mittelstange (sie war dann 8 m hoch) auf einem Stangen-gerüst stehen, damit keine zusätzliche Stange den Blick im Inneren behindert. Die Gesamtlänge war 22,6m bei einer Breite von 13m. Die Kapazität betrug 300 Sitzplätze bzw. 450 Stehplätze. Soweit der Plan von Uwe Neumann.

In der Vorbereitungsphase zum Bundeslager fanden sich dann Pfadfinderstämme zu dem Teillager „Ginko“ zusammen, die sich für diese „Basilika“ begeistern ließen. Die insgesamt fast 200 Zeltplanen wurden von den Stämmen zur Verfügung gestellt, d. h. sie verzichteten während des Lagers auf einen Teil ihres Zeltmaterials. Für dieses Projekt hatte Semmel Louie begeistert. Der Bau der Basilika begann eine Woche vor Lagerbeginn. Semmel, seines Zeichens Bauingenieur und Pfadfinder, sorgte mit Schlauchwaage, Meterband und Richtlatte für das richtige Maß.

Die Vorarbeiten, Bauplatz vermessen und dünne Richtschnüre spannen, erledigten die beiden im Vorfeld zusammen. Der erste Turm wurde ohne Spitze auf dem Boden fertig montiert und anschließend mit Seilen und Stangengabeln aufgerichtet. Der Turm wurde dann von sechs kräftigen Pfadis in die vorbereiteten Löcher im Boden gehoben und provisorisch nach drei Seiten abgespannt, alle folgenden Türme dann mit Hilfe von Flaschenzügen hochgezogen. 

Auf dem Bild: Semmel mit Steigeisen in dem Turm und Louie auf dem Bulli.

Die vier Türme mussten extra ausgerichtet werden, damit das Jurtendach später ohne große Zwischenräume oder Falten in 4,85 m Höhe zwischen die Türme gespannt werden konnte. Nachdem alle vier Türme standen, konnte das Tragegerüst für die Mittelstange gebunden werden. Dieses Gerüst wurde dann mit Flaschenzügen an den Türmen hochgezogen und in 4,50 m Höhe an den untersten Turmstangen befestigt. Nach dem Einbau des Tragegerüstes wurden die meisten Abspannseile entfernt. Übrig blieben acht als Sturmsicherung. Diese waren auch nötig, da jeder Turm ein Segel mit 48 qm Größe darstellte. Bei ungünstiger Windrichtung bot die Basilika eine Angriffsfläche von fast 200 qm; das entspricht der vollen Besegelung eines 2-Mast-Segelschiffes. Als letzte Arbeitsgänge am Stangengerüst wurden dann noch die Turmspitzen eingebaut und die 50 kg schwere Glocke in einen Turm gehängt. Nach fünf Tagen war der Rohbau fertig. 

Nachdem die ersten Gruppen angereist und damit das erste Material da war, konnte mit dem Anbringen der Zeltplanen begonnen werden. Dies stellte sich, vor allem auf den Türmen, als äußerst schwierig heraus. Starker Wind machte es zeitweise unmöglich in den Türmen zu arbeiten. Nach fast neun Tagen, genau zehn Minuten nach dem offiziellen Eröffnungstermin, war die Jurtenkirche fertig.

 

Durchschnittlich arbeiteten an der Basilika außer Semmel und Louie nur sechs zusätzliche Pfadfinder. Die gesamte Konstruktion wurde ausschließlich durch Seilverbindungen gehalten (ca. 350 Kreuzbünde); kein einziger Nagel wurde benutzt. Insgesamt wurden 3500 m Seil verbraucht.

Die fast 198 qm Grundfläche der Kirche war völlig mit gesammelten Teppichen ausgelegt. Zwischen den vier Türmen, im Altarbereich, hing ein großes Holzkreuz. Als die Glocke zum ersten Mal zur Eröffnung läutete, versammelten sich fast 450 Pfadfinderinnen und Pfadfinder in der Basilika. Beleuchtet wurde das Innere mit Kerzen. Mehrere Wagenräder dienten als Kronleuchter. Die Seitenwände waren mit hierzu gefertigten Batiktücher geschmückt.

 

Je nach Wetter mussten die Sturmseile nachgespannt werden, da die Hanf- und Sisalseile auf Temperatur- und Luftfeuchtigkeit mit starken Längenänderungen reagierten.

Während ihres kurzen Daseins wurden in der Basilika mehrere Feste gefeiert, Gottesdienste gehalten, gab es Theateraufführungen und ein Konzert, es wurde gesungen und es gab die Möglichkeit, vor der Hektik des Lagerlebens zu fliehen. Als dann nach neun Tagen alles wieder abgebaut wurde, dauerte es nur einen Tag, bis die Planen herunter waren. Am Abend war nur noch am gelben Gras der Umriss der Kirche zu erkennen.

~ Rainer LOUIE Kempe

Ein Ausschnitt aus der Lagerzeitung des BuLa ’84: